Jazzkantine: Auf der Bassbox steht der Dachs

Jazzkantine. Foto: Ben Wolf

1993 gegründet für ein einmalig Projekt gibt es die Jazzkantine noch heute. Kollaborrationen mit Smudo oder Götz Alsmann, CD-Aufnahmen mit befreundeten Musikern und in den Jazz transferierte Hardrocksongs sind das Ergebnis von fast 20 Jahren. Gegründet wurde die Jazzkantine von Ole Sander und Matthias Lanzer sowie unserem Interviewgast Christian Eitner (Bildmitte), dem “Chefkoch” des Projekts. Neuestes Produkt der Band sind ins 21. Jahrhundert transformierte Volkslieder.

Die Jazzkantine war am Anfang als einmaliges Projekt geplant. Hättest du damals gedacht dass es die Jazzkantine nach fast 20 Jahren immer noch gibt?
Nee, überhaupt nicht. Es war eigentlich auch überhaupt nicht gedacht das Ganze auf die Bühne zu bringen. Wir wollten eine CD machen mit einem Querschnitt, deutschsprachiger Hip Hop mit Jazz gemischt. Ich glaube gleichzeitig, um die Frage zu beantworten, war es nur möglich weil es so ein Projekt war, weil es keine starren Strukturen in der Band hatte, weil sich Leute nicht irgendwann die Köpfe einschlagen weil sie sich nicht mehr riechen können. Ich bin ja eine Art Chefkoch und der Initiator des Ganzen, der dann irgendwann wenn es nicht mehr weitergeht auch entscheiden sagen kann oder muss jetzt machen wir es aber so. Ansonsten haben wir durch das projektige uns viel angesehen und ausprobiert, Alben gemacht, Touren mit einem Ballett-Ensemble oder einer Big Band, wir haben viel Theater hier am Staatstheater in Braunschweig gespielt. Somit ist für uns ein Schritt in Richtung Volkslied gar nicht so fremd – oder andersrum: Wir sind immer schon Grenzgänger gewesen, die sich da ganz wohl gefühlt haben und die wissen, dass so ein Projekt polarisiert aber auch bedeutet dass wir nicht auf der Stelle treten.

Auf Eurem letzten Album „Hell’s Kitchen“ habt ihr Hardrock-Songs interpretiert, jetzt sind es Volkslieder. Das ist ja sehr konträr. Wie kommt man darauf erst etwas von AC-DC und jetzt Chorlieder zu spielen?
Eine gute Frage! Im Grunde genommen war dieses Volkslied-Thema schon immer bei uns im Kopf. Wir haben verschiedene von diesen Titeln immer wieder mal aus irgendwelchen Anlässen auf die Bühne gebracht. Wir haben einmal mit dem damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog eine Exkursion nach Südafrika gemacht und dann kam bei einem Empfang mit Nelson Mandela und Desmond Tutu der Wunsch hoch ob wir nicht mit einer Marimba-Band ein schönes deutsches Volkslied spielen könnten. Dann haben wir „Kein schöner Land“ in einer jazzigen Version gespielt. Das war ein Beispiel, ein Titel, der bei uns im Kopf war. Als deutschsprachige Band hat man ja sowieso einen anderen Bezug dazu. Das Begründet zwar noch nicht den Schritt warum wir vom Heavy Metal zum Volkslied kamen, ich könnte nun natürlich sagen wir wollten einmal das gegenteilige machen. Für uns ist es auch kein wirkliches Cover-Album weil es Lieder sind, die in unser aller Erbgüter irgendwie verpflanzt sind. Dass wir das Thema angegangen sind ist auch beflügelt durch eine Plattenfirma, die gesagt hat: „Macht das mal, das gibt’s noch nicht. Und wenn ihr den Mut habt, das rauszuhauen dann sind wir gern dabei.“

Wenn man im Studio steht und gemeinsam „Im Frühtau zu Berge“ singt lacht man sich doch sicherlich schlapp, oder?
Natürlich haben wir uns vor Lachen teilweise extremst bepisst. Unser Keyboarder ist Australier und kann mit diesen Liedern so gar nichts anfangen. Da kommen dann Fragen wie „Was ist der Bi-Ba-Butzemann?“ „Eine Art Buhmann!“ „What’s a Buhman?“. Das ist auch wichtig für die Jazzkantine, dass es was zum Schmunzeln gibt und man selbstironisch an die Sache geht. Es sind viele Lieder nicht so ernst gemeint und sie machen auch im Studio viel Spaß. Wir versuchen ein Spektrum zu bauen aus verschiedenen Liedern die teilweise eine Tiefe haben oder auch etwas Politisches oder Sozialkritisches wie „Mutter Türkei“, was aus einer ganz anderen Ecke kommt. Aber da muss auch immer ein Gegenpol sein, drum ist der „Bi-Ba-Butzemann“ ganz gut auf dieser Platte.

Wie sind denn die Reaktionen auf die Songs? Ihr habt sie ja schon ein paar Mal live gespielt.
Ja, wir haben die ersten Konzerte gespielt und waren zuletzt auf dem Jazzfestival in Burghausen. Wir machen kein reines Volkslied-Programm sondern bauen es mit unseren normalen Liedern zusammen. Ich merke ganz deutlich dass sich die Leute live etwas lockerer machen können und den Kopf etwas ausschalten. Dass sie nicht darüber nachdenken „Sind das Volkslieder?“ oder „Was sind das für Titel?“. Man lässt es auf sich wirken. Generell wissen wir dass es die Leute erst einmal skeptisch stimmt und sie sich fragen ob wir total durchgeknallt sind. Aber man merkt auch dass das dann gut funktioniert und es nachvollziehbar ist wenn Leute keine Freude haben oder sich nicht so drauf einlassen wollen. Die bisherigen Resonanzen sind aber so dass die Leute die Scheuklappen ablegen und merken dass man diese Lieder gerne wieder einmal in einem ganz anderen Gewand hören kann. Im Auto oder wo auch immer, ohne dass man an Kniebundhosen denken muss.

Singen denn dann die Fans „Hoch auf dem gelben Wagen“ voller Inbrunst mit?
Wir haben schon Situationen wo wir ein Lied gemeinsam mit dem Publikum singen. Das war zuletzt „Wenn ich ein Vöglein wär“. Wir haben auch bestimmte Requisiten dabei. Ich habe mit erst kürzlich bei eBay einen ausgestopften Dachs ersteigert. Man bekommt da ja heutzutage einfach alles! Dann habe ich aus dem elterlichen Keller den Diaprojektor herausgeholt, es gibt eine kleine Diashow auf der Bühne. Da kann man dann den Text einblenden und sagen „So, nun singen wir mal zusammen!“. Aber natürlich hat das keine Fischer Chor-Qualitäten. Da wollen wir auch gar nicht hin! Es ist bei uns ein bunter Abend, bei dem für jeden Geschmack etwas dabei ist!

Und der Dachs steht auf der Bassbox und schaut zu?
Ja, richtig. Woher weißt du das?

Etwas Ähnliches hatten die Beatsteaks neulich auch!
Echt? Also wir haben ja noch einen Fuchs mit auf Tour gekriegt. Wir haben dann aus „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ „Fuchs, du hast den Dachs gestohlen“ gemacht. Das ist unser Schlusssatz beim Konzert und das macht sich ganz gut!

Du hast vorhin schon gesagt dass die Jazzkantine mehr als Musik ist. Ihr macht unter anderem auch Theaterproduktionen. Wie ist das für euch, nicht nur Musik zu machen sondern auch bei solchen Stücken mitzuwirken?
Es ist natürlich als gelernter Musiker Neuland wenn man kleine Schauspielrollen hat. Da geht es uns dann wie dem Schauspieler der mal singen muss. Ich denke es ist wahnsinnig lehrreich und Horizonterweiternd und lässt dann auch ein Thema wie das mit den Volksliedern eher zu, denn hier bringt man ja auch ein Konzept auf die Bühne. Zwischen den Liedern, das habe ich im Theater gelernt, müssen die Übergänge zackig sein. Dann sollte man in der Songauswahl auch eine Art Dramaturgie haben. Und natürlich ist es für uns auch ein wichtiges zweites Standbein. Wir haben nach wie vor den Traum, vom Musikerdasein zu leben. Wie sich die Mitglieder der Jazzkantine immer wieder Gegenseitig mit Ideen befruchten so befruchten sich auch Verknüpfungen mit dem Theater.

Ihr habt ja in all den Jahren schon viele Gastmusiker gehabt. Mit wem war denn die Zusammenarbeit am überraschendsten?
Also wir haben im Grunde genommen beim aktuellen Album all die Weggefährten wieder versammelt die uns in den letzten Jahren ans Herz gewachsen sind. Die, die mit auf Tour waren, mit denen die Zusammenarbeit angenehm war. Zum Beispiel Nils Landgren, Posaunist aus Schweden. Er hat, glaube ich, bei den ersten beiden Alben mitgespielt bevor wir uns etwas aus den Augen verloren haben. Es ist ein schöner Moment ihn jetzt wieder zu treffen und zu sagen „Komm, wir machen deutsche Volkslieder“. Er hat sich selbst schon mit dieser Thematik befasst und singt bei seinen Konzerten immer wieder mal schwedische Volksweisen. Er hat einmal eine funk ABBA-Platte gemacht, das ist ja so etwas wie die Volksmusik der Schweden. Es war toll zu sehen, wie ein Ausländer ganz anders und viel weniger Kopflastig mit dem Thema Folklore umgeht. Wir tun uns ja mit unseren eigenen Volksliedern eher etwas schwer. Durch die Bank weg haben wir mit Leuten gearbeitet, die da sehr offen waren.

Welches war beim aktuellen Album das für dich ungewöhnlichste Ergebnis?
Da würde ich „Hoch auf dem gelben Wagen“ nennen. Das ist ein Lied, bei dem uns klar wurde dass es ein Klassiker und in den 1970er Jahren dank Walter Scheel ein richtiger Hit war. Eigentlich dachten wir, „der Song geht doch gar nicht“. Dann haben wir uns mit der Engländerin Sandy Brown ans Werk gemacht, auch ihr musste ich erst einmal erklären was es bedeutet beim Schwager vorne zu sitzen und um was es in dem Lied überhaupt geht. Im neuen Gewand ist der Song eher im R’n’B-Style und geht von Dur zu Moll. Ich finde, wir haben dieses Lied am meisten umgekrempelt und es ist die Version, die ein Volkslied in einem ganz anderen Gewand zeigt.